Erste
Verwirrungen
Perplexum I
Sommer 1986
Meine erste Begegnung mit Rabe Perplexum ergab
sich anläßlich der Verleihung des Kulturförderpreises
der Stadt München. Die feierliche Veranstaltung im Münchner
Rathaus hatte ich für das Fernsehen aufzuzeichnen. Die
Preisträger Darstellender Künste, so Rabe Perplexum,
waren gebeten, eine kleine Kostprobe ihrer Arbeit zu geben.
Rabe Perplexum, selbst aufgeputzt wie ein Paradiesvogel, erschien
in Begleitung zweier Punks mit grellbuntem Irokesenschnitt.
Sie war nervös. Im Gepäck hatte sie ein paar Utensilien,
darunter eine Zweiliterflasche Wein. Bei ihrem Auftritt stand
sie am Rednerpult und verlas ein Pamphlet, eine Mischung aus
Beschimpfung und Anklage. Der Auftritt war garniert von ihren
Punks, die als audiovisuelle Untermalung eine Art Seilspringen
mit Ketten veranstalteten.
Der verantwortliche Redakteur vom Fernsehen, dem ich das Material überreichte,
fragte beim Sichten der Aufzeichnungen kopfschüttelnd,
ob diese Dame aus dem Irrenhaus ausgebrochen sei. Ich kommentierte
das mit Achselzucken. Ist eben Kunst.
Bis dahin kannte ich Rabe Perplexum als Enfant Terrible der
lokalen Kunstszene nur aus Berichten und hatte keines ihrer
Werke gesehen. Mein erster spontaner Eindruck: Dieses Geschöpf
ist wirklich unmöglich! Ein Unikum, das sich nicht in
gängige Schubladen packen läßt. Ihr Auftreten
hinterläßt Fragen und Irritation. Diese Persönlichkeit
ist mit ein paar wenigen Attributen nicht in den Griff zu bekommen.
Ein wandelndes Gesamtkunstwerk.
Ein erneutes Zusammentreffen während einer Ausstellung
der Künstlerwerkstatt in der Münchner Lothringerstraße
gab mir weitere Einblicke. Wir kannten uns nun schon flüchtig
und sie zeigte mir ihre Objekte: Eine Gruppe unheimlich wirkender,
menschengroßer Gestalten, zusammenmontiert aus Tierschädeln,
Knochen und verschiedenen düsteren Accessoires aus der
Folterkammer. Wesen, die in jedem Horror-Streifen die Hauptrolle
spielen könnten. Des öfteren konfrontiert mit Künstlern
wie Tinguely oder Wiener Aktionisten, nahm ich es gelassen.
Auch als Rabe mich aufforderte, genau hinzusehen: In den Schädelknochen,
die in transparente Folie gehüllt waren, entdeckte ich
viele kleine Maden, die munter darin herumkrochen. Allmählich
begriff ich Rabes künstlerische Ambition. Offensichtlich
versuchte sie, mit radikalen Äußerungen und Effekten
den Mitmenschen gnadenlos ihre düsteren Visionen einer
maroden, grausamen Welt ins Gemüt zu drücken. Dazu
zerrte sie wie ein Gruftie genüßlich mit schwarzem
Humor und einer Überdosis Sarkasmus Verschüttetes
aus dunklen Tiefen ans Tageslicht.
Sommer 1991
An einem lauen Sommerabend begegnete ich Rabe
Perplexum als Gast einer Vernissage. Sie fotografierte pausenlos
wild mit einer Pocketkamera herum. Dabei setzte sie besonders
sich selbst in Szene. Sie hatte ein extrem kurzes Miniröckchen
an und lichtete auffällig bemüht die Galeriesituation
aus den seltsamsten Positionen ab, mal auf dem Boden liegend
von unten, mal von oben auf einem Stuhl stehend.
Um dem Gedränge in der Galerie vorübergehend
zu entfliehen, stand ich mit ein paar Freunden vor der Tür
auf der Straße, das obligatorische Gläschen Prosecco
in der Hand. Rabe gesellte sich dazu und präsentierte
stolz ihr superscharfes neues Fahrrad. Jeder mußte es
bewundern und ausprobieren. Ich drehte ein paar Runden. Das
Rad war wirklich besonders, eine horrend teuere Spezialanfertigung,
genau auf ihre Figur zugeschnitten. Sie wollte beneidet werden.
Rabe sprach bei dieser Gelegenheit von einer Performance in
Vorbereitung. Wir unterhielten uns über das Projekt. Ich
verspürte Lust, als Videomacher einmal mehr das kulturelle
Leben der Stadt zu bereichern und bot Zusammenarbeit an. Sie
schien nicht abgeneigt. Als ich sie später noch ein paar
Schritte begleitete, zerrte sie mich plötzlich in eine
Einfahrt, redete heftig auf mich ein und grapschte etwas unsensibel
an mir herum. Ich schob das auf den Prosecco und verabschiedete
mich ganz schnell, nachdem wir uns für ein Gespräch über
ihr geplantes Theaterprojekt verabredet hatten.
Mama - Miami - Bitterfeld
- Tokio
Perplexum II
Die Folgetreffen mit Rabe waren sachlich. Zunächst
tauschten wir ein paar Videos von unseren früheren Arbeiten
aus, um uns gegenseitig unsere künstlerischen Standpunkte
zu verdeutlichen. Sie fand ihre Arbeiten - besonders wegen
der Buntheit und Vielfalt - besser, ich fand meine Arbeiten
- besonders wegen der minimalistischen Sparsamkeit - besser.
Ein vielversprechender Konsens zu Beginn einer Zusammenarbeit?
Rabes Videos waren sehr bizarr und makaber. Meistens ging es
um Mixagen, die als Element in ihre Performances eingebunden
waren. In ihrer Performance "Carmen" wird eine Szene
eingeblendet, in der Rabes Freundin Carmen eine Klofrau an
einer Autobahnraststätte spielt. Carmen frißt Geld,
kotzt ekelhaften Brei und wird auf Rollschuhen von einem Rolls
Royce gezogen. Aufzeichnungen eines anderen Bühnenstückes
zeigten Bilder von einem Maso - Mann in Ledergeschirr, der
auf der Bühne an der Hundeleine herumgeführt wird
und verzweifelt nach einem Würstchen schnappt. Alles in
allem meist professionell hergestellte, monströse Bänder
in der Manier appetit-hemmender C - Pictures, vermischt mit
bayuwarischer Querdenkerei. Ein wunderliches Videowerk, versetzt
mit Ausschnitten aus Fernsehprogrammen, Fotos und Computeranimationen.
Immer wieder waren Sequenzen manipuliert, verfremdet, zynisch-ironisch
pointiert. Unter dem Material fanden sich die Kopie eines bereits
gesendeten Fernseh-Features und Kritiken aus Feuilletons über
die Künstlerin: Die Medien hatten den schrillen Vogel
längst entdeckt.
Unsere Meetings entwickelten sich fast unmerklich vom Arbeitstreffen
zum Psychotrip. Sämtliche Themen aus allen Lebensbereichen
- vom Frühstücksmenü bis zum letzten Orgasmus
- brachte Rabe hemmungslos auf den Tisch. Sie erzählte
ungehemmt nicht nur guten Freunden, sondern auch jeder Zufallsbekanntschaft
Details aus ihrer Intimsphäre. Bei allem Respekt vor soviel
Offenheit streifte sie manchmal Toleranzgrenzen. Sie sprach
gern über sich, und alle sollten das wissen, auch die,
die es vielleicht gar nicht wollten. Ich wurde Zuhörer
und Beobachter.
Rabe war klein, schlank, stramm und nicht gerade zimperlich
in ihrer Ausdrucksweise. Der Charme einer Giesinger Putzfrau
vermischte sich mit dem Starrsinn eines Punks. Hinter der rauhen
Fassade verbarg sich allerdings das zerbrechliche Wesen eines
hochsensiblen Menschen und das Genie einer provokativen Künstlerin,
stets bemüht, Grenzen gesellschaftlicher Normen und Tabuzonen
zu überschreiten. Je nach Stimmungslage fühlte sie
sich gesegnet oder geschlagen mit ihrem außergewöhnlichen
Wahrnehmungsvermögen. Sobald sie eine Szene betrat, nahm
sie wie ein Seismograph ihre Umgebung in sich auf. Daraus entstand
eine Art Zwang, Erfahrenes zu bündeln und in multimedialen
Prozessen und schubartigen Intervallen auszustoßen. Ob
das den Menschen gefiel oder nicht, war ihr gleichgültig.
Sie war ihr eigenes, alles beherrschende Geschmackskriterium
und unterschied die Welt auf ihre Weise. Was ihr paßte,
war "räbisch", alles andere war "unräbisch".
Das klang etwa so: „Des mog der Rabe, des mog der Rabe
ned“.
Sie verwendete einige Mühe auf ihr Styling, bevor sie
an die Öffentlichkeit trat. Die Frisur war asymmetrisch.
Eine Hälfte des Kopfes bedeckte ein kurzer Bürstenschnitt,
der auf der anderen Seite in eine längere Strähne überging.
Die Natur hatte sie mit überdimensionierten Frontzähne
des Oberkiefers ausgestattet. Diese rückten beim Sprechen
gelegentlich unübersehbar in den Vordergrund. Die kleinen
Augen verrieten etwas von einsamen Wanderungen in die Abgründe
der Seele. Ansonsten verstand sie es perfekt, als ihre eigene
Visagistin das Antlitz mit der besonderen Rabetechnik zu einem
Kunstwerk zu gestalten. Heller Teint mit schwarz gestrichenen
Lippen, Lidern und Wimpern. Die Lidstriche liefen in Bögen
und Kringeln aus.
Die Kleidung variierte. Mal Wave, mal Punk, verschnitten mit
traditioneller bayerischer Tracht. Alles meist selbstgemacht
und immer ungewöhnlich. Handwerklich war sie recht geschickt.
Manchmal schwarzes Leder, dann wieder Buntes vom Paradiesvogel.
Ihren Schmuck gestaltete sie aus den verschiedensten Materialien.
Verchromte Metallreifen und Ketten, amulettartige Gebilde aus
Hörnern oder Zähnen. Eine Magnetscheibe einer bespielten
Computerdiskette diente als Ohrschmuck. Nachdem sie hörte,
daß ich mit Zahnärzten verwandt bin, bat sie mich,
möglichst viele herausgezogene Zähne zu sammeln,
um damit ein Kollier herzustellen.
Ihre Behausung war ein wundersames Panoptikum. Überall
stapelten sich Requisiten. Von ihr selbst gemalte Bilder hingen
an den Wänden, von Simsen und Regalen grüßten
sonderbare Fossilien. Hier ein Schweineherz in einem Glas mit
Formalin, da ein Schrumpfkopf, dort Knochen, Schädel,
Hörner, ausgestopfte Viecher. Sie hauchte den Objekten
Leben ein. Den meisten verpaßte sie komische Kosenamen,
als wären es Haustiere. Einen Kuhschädel zum Beispiel
nannte sie liebevoll Engelbert. Von einer Stehlampe baumelten
Skelettbeine. Kreuz und quer standen skurrile Objekte herum,
vorzugsweise umrahmt von blinkenden Lichtgirlanden. Im Bücherregal
standen in erster Reihe - stets griffbereit - Werke über
Kriminalmedizin, Pathologie und Ethnologie. Sie kehrte den
Schocker heraus und spielte leidenschaftlich gern mit ihrem
Hang zu Horror, Tod und Verwesung, zu den dunklen Nischen des
Lebens. Sie zelebrierte Finsternis mit beißendem Humor
und viel Phantasie. Mit Enthusiasmus wurde Häßliches
zum ultimativen Kick, Gespenstisches zum schrillen Abenteuer.
Ein hausgemachtes Zombiespektakel in einer liebevoll gepflegte
Privatgeisterbahn.
Rabe sprach als Münchnerin bayrische Mundart oder Hochdeutsch
mit Akzent. Bei unseren Verabredungen erzählte sie gelegentlich
in Fragmenten über ihre Vergangenheit. Als Frühgeburt
im Brutkasten hochgepäppelt, bezeichnete sie sich als "künstlichen
Menschen". Sie war mitunter reizbar bis zum Jähzorn.
Ein unangenehmes Geräusch, ein nicht funktionierendes
Gerät oder ein paar Brösel auf dem Boden konnten
hysterische Anfälle auslösen: Sie wurde fast zum
peniblen Spießer, wenn von ihr gesetzte Reinlichkeitskriterien
unbeachtet blieben. Wer die Schuhe nicht an der Wohnungstür
auszog, bekam mit lautem Gezänk den Putzlumpen zu sehen,
Küchengeschirr war außer beim Speisen tabu, nur
sie durfte abspülen und die Sachen in den Schrank räumen.
Eine ihrer zahlreichen Macken war, daß nach Benutzung
der Toilette durfte der Klodeckel nicht geschlossen werden
durfte. Sie hatte starke hypochondrische Tendenzen: Von Zeit
zu Zeit nahm sie prophylaktisch Antibiotika gegen alles, was
da kommen mochte. Eine erstaunliche Ambivalenz zwischen der
Affinität zu Fäulnis und Verwesung einerseits und
dem zwanghaften Bedürfnis nach Ordnung und Reinlichkeit
andererseits.
Rabe berichtete mir von ihrer verstorbenen Großmutter
und deren Engagement im einstigen Hurenmilieu Münchens.
Ob sie dabei als Nutte oder als Sozialarbeiterin fungierte,
ging aus dem Erzählungen nicht klar hervor. Zu ihrer Großmutter,
betonte Rabe, bestand Seelenverwandschaft, mit der eigenen
Mutter jedoch verband sie eine Haßliebe. Kindheit und
Jugend hatte sie am Hasenbergl im Münchner Norden verbracht
- einer jener Trabantenstädte mit eintöniger Architektur,
oft Brutstätte sozialer Konflikte. Sie sprach immer von
traumatischen Erinnerungen: Streß mit der Mutter, Prügeleien
mit Nachbarjungen, Ausbruchversuche. Der Vater tauchte als
unbedeutende Marginalie auf.
Ihr bürgerlicher Name war Manuela Hahn. Sie lehnte ihn
ab und verbat sich, sie so zu nennen. Selbst bezeichnete sie
sich gern als "Der Rabe", als geschlechtsneutrales Überwesen.
Diese eigenwillige Namengebung mag dem erklärten Wunsch
entsprungen sein, mit einer ungeliebten Vergangenheit und der
damit verbundenen bürgerlichen Identität zu brechen.
Das Tierische in ihrem Künstlernamen betonte ihren affektiven
Charakter, die urwüchsige Art und das fremdartige Wesen.
In der Mythologie sind Raben oft Boten des Jenseits und Begleiter
von Hexen oder Zauberern. Im Grimm'schen Märchen "Die
Rabe" verwandelt sich ein junges Mädchen in einen
Raben, als sein Verhalten von der Mutter mißbilligt wird.
Es bleibt jahrelang verzaubert.
Unsere Rabe Perplexum wurde von ihrer Mutter "Der Kind" genannt.
Manchmal, wenn sie Rabe nicht erreichte, erkundigte sie sich
besorgt mit der Frage: "Hast du denn den Kind
gesehen?" Ich selbst nannte Rabe meist stur "Rabe"und
ignorierte den Geschlechter - Wirrwarr.
Rabe hatte dem Vernehmen nach Ausbildungen in Schauspielerei,
Tanz, Malerei und anderen Kunstrichtungen hinter sich gebracht.
Ihren Lebensunterhalt bestritt sie in der Hauptsache mit Honoraren,
die sie aus Fördermitteln der Stadt schöpfte, Verkäufen
ihrer Bilder und Objekte und Unterhaltszahlungen ihres Ehegatten.
Obwohl sie finanziell unabhängig war, arbeitete sie regelmäßig
als Putzfrau. Sie sagte, sie brauche das. Einmal begleitete
ich sie zur Arbeit in die Büroräume eines Verlagshauses.
Rabe hantierte fröhlich mit dem Staubsauger, reinigte
das WC, wischte Staub und spülte Gläser. Zwei bis
dreimal die Woche tat sie das für ein paar Stunden.
Ihr Leben stellte sie in beinahe zwanghafte Abhängigkeit
zu anderen Menschen. Beziehungen zu Männern spielten dabei
eine fundamentale Rolle. Vom Ehemann Toni lebte sie schon länger
getrennt, wurden jedoch nie offiziell geschieden. Ihr langjähriger
Lebensgefährte "Geier" - alias Alexander - war
entflogen. In dieser Verbindung waren sicherlich bedeutende
künstlerischen Impulse zum Tragen gekommen. Diese Perioden,
die nicht mehr zurückzuholen waren, idealisierte sie im
Nachhinein. Nun hieß ihr Partner Sigi Vetter, ein Student
der Akademie der Bildenden Künste.
Herbst/Winter 1991
Im Herbst begannen erste konkrete Arbeiten für
die Performance mit dem Titel "Mama - Miami - Tokio -
Bitterfeld". Sie sollte zum Jahresende im Atelier der
Metallbildhauerin und Performerin Angelika Thomas in der Klenzestraße
aufgeführt werden. Ich versuchte, Zusammenhänge herzustellen.
Der Titel bezog sich auf das zwiespältige Verhältnis
zur Mutter. Auf ihre brüchige zwischenmenschliche Beziehung
zu ihrem Partner Sigi, der einmal ohne sie nach Miami gereist
war. Und Bitterfeld, dem verrufenen Chemiesumpf der Ex-DDR
als Exempel der Zerstörung und Perversion der Welt schlechthin.
Ein Spiel, in dem sich ihre ganz persönliche Perspektive
eines Universums voll Chaos und Irrsinn spiegelte. Tokios Hintersinn
blieb mir ein Rätsel.
Im Bühnenbild waren drei hängende Monitoren geplant,
auf denen jeweils unterschiedliche, miteinander korrespondierende
Videos spielen sollten. Herstellung und Präsentation der
Filme gehörten zu meinen Aufgaben.
Die ungewöhnlichen Orte ihrer Aufführungen betrachtete
Rabe eher als Kultraum denn als Theater, die klassische Bühne
war nicht ihre Welt. Im Laufe der Vorbereitungen beobachtete
ich staunend, wie sie mit viel Spaß und Hingabe ein kunterbuntes
Arsenal schriller, zum Teil selbstgefertigter Kostüme
und Requisiten heranschleppte. Dadurch verwandelte sich das ödeste
Ambiente zum barocken Tollhaus.
Rabe Perplexum setzte ihre Fähigkeiten multifunktional
ein. Sie war gleichzeitig Autorin, Videokünstlerin, Kamerafrau,
Regisseurin, Handwerkerin, Bühnenbildnerin, Malerin, Designerin,
Schauspielerin, Tänzerin, Putzfrau und Organisatorin.
Die Vielfalt ihrer Talente kam erst im Zusammenspiel all dieser
Positionen zur vollen Entfaltung.
Die Videos wurden im sogenannten Blue Box Verfahren im Studio
hergestellt. Die Darsteller waren die gleichen wie auch später
in der Performance: Rabes Mutter um die siebzig, Waggy Brömse,
Sänger, Schauspieler und wohlbeleibter bayrischer Underground-Pavarotti,
Luk Alluskewitz, ein Student, und Rabe selbst.
Zuerst wurden die elektronischen Hintergrundbilder erstellt,
die später im Blue Box Verfahren als Kulisse für
die Darsteller der Videos dienten. Rabe wählte die Bilder
aus: Eine Mischung aus Fernsehwerbespots für Barbie-Puppen
und anderes Kinderspielzeug, aus Computeranimationen hüpfender
Totenköpfe, Aufnahmen von den verrotteten Industrieanlagen
in Bitterfeld, von medizinischen Operationen und von Babys
im Brutkasten. Dazwischen Filmausschnitte mit Hans Moser und
Zarah Leander. Diese "Images" wurden zur Weiterverarbeitung
vorbereitet. Die Logos von Fernsehsendern, die gelegentlich
im Material auftauchten, wurden per Trick durch Küchenschaben
ersetzt, um rechtlichen Problemen vorzubeugen.
In diesen elektronischen Landschaften, größtenteils
verzerrt und verfremdet, agierten die Darsteller, auf deren
schräge Kostümierung besonders viel Wert gelegt wurde.
Waggy als japanischer Samurai im Kimono, die Mutter als Engel,
Luk als Perverser, der Puppen mit gynäkologischen Instrumenten
behandelte, und Rabe als ungeliebtes Kind im silbernen Overall
mit roter Zipfelmütze. Engagiert wurde außerdem
Fotograf und Kameramann Rainer Schwinge, der bereits bei anderen
Produktionen beteiligt gewesen war.
Rabe hatte präzise Vorstellungen von ihrem Stück.
Sie trat sehr resolut auf und inszenierte wie besessen. Während
der Aufnahmen motivierte sie die Darsteller zu spontanen Aktionen,
versuchte, die Akteure zu exzessiven Handlungen zu bewegen,
aus sich herauszutreten und ungewöhnliche Dinge zu tun.
So mußte ihre Mutter das Gebiß herausnehmen und
Waggy einen ganzen Kuchen in sich hineinstopfen, bis er völlig
beschmiert war. Dabei hüpfte Rabe wie von der Tarantel
gestochen herum und steigerte sich in einen Rauschzustand,
der die Gesamtsituation beherrschte. Nach ein paar Tagen waren
die Videoaufnahmen abgeschlossen. Sie mußten nun noch
geschnitten werden.
Mitte Dezember wurde das Atelier von Angelika Thomas zum Performanceraum
umgestaltet. Das war nicht ganz einfach. Eine große Chevrolet-Limousine
mußte erst einmal mit einem Kran durch einen schmalen
Kellereingang bugsiert und längs in zwei Hälften
zersägt werden. Bei der Performance sollte eine Hälfte
mit Hilfe eines Hubwagens bewegt werden, während die andere
Hälfte stillstand, um eine schizophrene Situation zu skizzieren.
Waggy erledigte die Sägearbeit mit einem elektrischen
Fuchsschwanz; er brauchte einen Tag dafür. Der ganze Raum
war in ultraviolettes Licht getauchte Bühne. Es gab eine
Schaufensterpuppe als geschwängerte Braut im weißen
Hochzeitskleid mit einem großen Luftballon als Bauch.
Weitere Requisiten: mit Leuchtfarbe bemalte Kloschüsseln,
ein Sandkasten mit gynäkologischen Instrumenten und Puppen
als Spielzeug für Luk, die drei Monitoren, Tonanlagen
und vieles mehr. Die Zuschauer saßen ohne Abtrennung
in einem bestimmten Bereich des Raumes auf Hockern aus zurechtgesägten
Baumstämmen. Das Bühnenbild gestaltete Sigi Vetter.
Das Verhältnis zwischen Rabe und Sigi war angespannt.
Die beiden hatten offensichtlich Beziehungsprobleme. Jedenfalls
liefen bereits die Vorbereitungen schleppend, weil Sigi nicht
dauernd dabei war.
Alleinsein war für Rabe Perplexum das größte
Problem überhaupt. Sie brauchte die Präsenz anderer
wie Vampire das Blut. Sie sehnte sich nach einer dauerhaften
Beziehung zu einem idealen Partner, der sich aber nicht so
leicht zu finden schien. Sie versuchte, ihre Männer mit
einer derartigen Vehemenz an sich zu kletten, daß diese
in einer Trennung oft die einzige Lösung sahen. Eine unstillbare, überdimensionale
Sucht nach Zuwendung war Rabes große Not. Wie sie es
in ihrer Arbeit liebte, zu inszenieren und die Puppen tanzen
zu lassen, versuchte sie es auch im Privaten. Niemand hielt
das auf Dauer aus. In depressiven Stimmungen erpreßte
und quälte sie mitunter das gesamte greifbare Umfeld.
Ihre Liebhaber fühlten sich bald wie Gefangene im rostigen
Käfig. Unumgängliche, vorübergehende Trennungen
- für Stunden oder gar Tage - machten sie unglücklich
und nervös. Sie suchte dann Ablenkung und Linderung ihrer
Tristesse bei Bekannten, Veranstaltungen oder irgendwelchen
Menschenansammlungen, schuf Anlässe für Gesellschaft,
lud Freunde zum Essen oder Ausgehen ein. Ihre resolute Haltung
in Beziehungsfragen brachte Rabe so zum Ausdruck: Ich bin doch
kein Wandschrank, den man nach Bedarf auf- und zuklappt
Rabe pflegte einen ausgeprägten Sammeltrieb. Sie ging
auf Flohmärkte und Schrottplätze, hortete fossile Überreste
von Tieren, Pflanzen und Menschen, antiquierte medizinische
Apparaturen, Mobiliar, Geschirr, und vieles andere. Gelegentlich
rief sie medizinische Institute an und fragte nach Knochen.
Als ich ihr berichtete, daß mein Freund Kasimir ein
künstliches Hüftgelenk eingesetzt bekommen hatte,
rief sie ihn im Krankenhaus an und bat inständig um die
alten, von Arthrose zermürbten Hüftknochen. Kasimir,
noch ganz benommen von der Operation, hatte sofort eingewilligt,
aber die Ärzte verweigerten die Herausgabe mit der Begründung,
das alte Gelenk würde noch für Studienzwecke gebraucht.
Besonders stolz war sie, wenn sie ein tolles Schnäppchen
gemacht hatte und freute sich diebisch über ihre Trophäen.
Tagelang saß sie vor der Glotze und archivierte Sendungen
auf Video. Immer wieder gestaltete sie Schmuck, Totems, Amulette,
Kostüme, Requisiten. Ihre kreativen Phasen kamen schubartig
und unvermittelt. Feuerwerke von Ideen, Bildern, Texten und
Konzepten sprudelten in ekstatischen Zuständen aus ihr
heraus. Sie schrieb oft bei lauter Musik. Diesen tranceartigen
Stimmungen war sie völlig ausgeliefert. Besonders dann
war ihr die Anwesenheit von vertrauten Menschen wichtig. Spontane
Einfälle hielt sie in einer Kladde fest, die sie stets
bei sich trug.
Einige Tage vor der Premiere begannen wir mit dem Schnitt der
Videobänder. Das war keine leichte Aufgabe, weil das Material
parallel auf drei Bändern synchron abgestimmt werden mußte.
Endlich stand die Bühne, der Chevrolet war zersägt,
die Lichttechnik besprochen und es konnte geprobt werden. Im
Stück wurde viel gebrüllt. Rabe mußte anfangs
schreiend aus einem kleinen schwarzen Schrank krabbeln, der
mit leuchtfarbener Graffiti als "shelter" gekennzeichnet
war. Dabei wollte sie fünf brennende Neonleuchten in der
Hand halten, wie sie in Autowerkstätten verwendet werden.
Es war mein Job, die Lampen so zu installieren, daß ein
einziges Kabel mit Schalter in den Kasten führte und von
da auf alle fünf Lampen parallel verteilt war. Rabe probte
ohne Vorwarnung ihre Nummer mit dem Kasten, obwohl ich mit
meiner Konstruktion noch nicht fertig war. Ich befand mich
gerade im Nebenraum und schraubte den Schalter zusammen. Das
anhaltende Geschrei kam mir dann doch komisch vor. Ich eilte
herbei. Sie saß bei geöffneter Tür im Kasten
und schrie ganz fürchterlich, wie im Konzept vorgesehen.
Ich zerrte sie an den Händen aus dem Kasten. Als ich sie
berührte, bekam ich einen Stromschlag. Die Installation
der Lampen war ja noch in Arbeit, und die Arme war eine ganze
Zeit mit dem Hintern auf einem offenen Kabel gesessen. Gott
sei Dank hatte das Kostüm einen Großteil der Spannung
abgeschirmt.
Plötzlich entstand Zeitdruck. Es gab noch reichlich Arbeit.
Am Vortag der Premiere waren die Videos immer noch nicht fertig,
wir hatten uns in der Zeit verkalkuliert. Ich saß bis
weit nach Mitternacht im Studio. Alles war so konzipiert, daß ich
noch einen Tag zu arbeiten hatte, um rechtzeitig fertig zu
werden. Nach einer unkomfortablen Nacht im Schneideraum erwachte
ich am nächsten Morgen, erfrischte mich notdürftig
und besorgte Kafee. Gegen neun Uhr wollte ich den ersten Schnitt
machen. Plötzlich kamen Leute und beanspruchten das Studio
bis zum Spätnachmittag für einen Lehrgang. Weder
Rabe noch ich hatten von dieser Buchung gewußt. Im Theater
gab es kein Telefon. Das erschwerte die Kommunikation. Ich
brachte die Hiobsbotschaft persönlich ins Atelier, wo
letzte Proben stattfanden, und erntete nur ratloses Achselzucken.
Es war Samstag. Ein Ersatzraum war nicht zu finden. Wir waren
ratlos.
Ich konnte erst nachmittags mit dem Schnitt beginnen. Die fertigen
Kopien sollten zum Probedurchlauf spätestens um sieben
Uhr abends im Performanceraum vorliegen. Es war beim besten
Willen nicht zu schaffen.
Während Darsteller, Publikum und Kritiker warteten, saß ich
immer noch verzweifelt im Studio und wurde nicht fertig. Nach
acht kam Rainer Schwinge ins Studio, um zu fragen, was los
sei. Stammelnd gab ich die ausweglose Lage zu verstehen.
Die Premiere wurde auf den darauffolgenden Montag verschoben
und war trotz der Verzögerung erfolgreich. Das Publikum
war amüsiert, betroffen, beeindruckt oder verärgert,
die Kritiker lobten. Alles funktionierte. Das Licht, der Ton,
die Monitoren, der Kompressor, der den Luftballon im Bauch
der Schaufensterpuppe bis zum Platzen aufblies, um so eine
Schwangerschaft samt Geburt zu simulieren. Selbst die Darsteller
kreischten, sangen, drückten und stöhnten ihre Texte
heraus wie geplant. Trotz aller Widrigkeiten und Pannen waren
wir mit heiler Haut davongekommen.
Währenddessen eskalierte die Spannung zwischen Rabe und
Sigi. Er kam nicht mehr und wollte sich von Rabe trennen. Rabe
war außer sich. Alle Beteiligten wurden abwechselnd von
Rabe genötigt, mit Sigi zu telefonieren und ihn umzustimmen.
Meine Arbeit am Projekt war eigentlich getan, aber ich kam
trotzdem meistens zur Vorstellung, um die Technik zu kontrollieren.
Eines Abends wartete ich nach der Vorstellung noch auf Rabe,
weil sie mich gebeten hatte, ihr Gesellschaft zu leisten. Wir
befanden uns allein im grellen Bühnenambiente. Sie ging
mir wieder mit dem Thema Sigi auf die Nerven. Plötzlich
lachte sie nur noch, legte eine Kassette mit Tangomusik ein,
begann zu tanzen und zog nach dem Takt der Musik wie eine Stripperin
ihre Bluse aus, tanzte barbusig vor mir herum. Ein seltsamer
etwas peinlicher Tanz - immerhin machte sie einen etwas fröhlicheren
Eindruck. Ich versuchte, die alberne Laune zu halten und wagte
mit ihr ein paar Tangoschritte. Wir tanzten in dieser absurden
Situation im UV - Licht um den zersägten Chevrolet herum.
Jedesmal, wenn wir uns den mit Leuchtfarbe bemalten Kloschüsseln
näherten, spuckten wir mal eben gleichzeitig kurz hinein.
Rabe war begeistert. Ein hingebungsvoll miserables Tanzpaar
- sie oben ohne -, das rhythmisch in bunte Kloschüsseln
spuckte. Für ein paar Stunden war die Tragödie Sigi
vergessen. Derlei exzessive Rituale liebte Rabe. Unser auf
gegenseitige Toleranz gebautes Verhältnis ermöglichte
uns auch in ungewöhnlichen Situationen - das waren unsere
Begegnungen eigentlich immer - einen verhältnismäßig
konfliktfreien und unbefangenen Umgang miteinander.
Am nächsten Abend sah ich auf dem Weg zur Aufführung
Rabe, die wie ein Irrwisch schimpfend auf der Straße
herumtobte. Sie schrie, daß Sigi sie nun endgültig
verlassen wolle. Wir beide müßten zusammen zu ihm
fahren. Ich erinnerte sie an ihre Professionalität und
die Verantwortung für das Stück, für die Darsteller
und das Publikum. Ich konnte sie überreden, erst einmal
mit mir zur Aufführung zu gehen und zu sehen, wieviel
Gäste da wären. Schließlich hätten die
ja bezahlt und warteten.
Im Performanceraum war alles vorbereitet. Die Mutter, Waggy
und Luk waren schon kostümiert und geschminkt. Waggy als
Samurai mit Kimono, Holzpantinen und einer Ikebana auf dem
Kopf. Nach einer tätlichen Auseinandersetzung in der Nacht
zuvor mit einem anderen Verkehrsteilnehmer war die eine Gesichtshälfte
deutlich sichtbar lila angeschwollen, die andere wie immer
weiß bemalt. Luk war türkis geschminkt als lustmeuchelnder
Puppenschänder, die Mutter ein weißer Engel mit
Flügeln. Außerdem schwirrte ein Fotograf von der
Süddeutschen Zeitung herum, der unbedingt Sigi und Rabe
als das Paar der Woche fotografieren wollte. Auch Publikum
hatte sich eingefunden. Nur Rabe wollte nicht spielen. Sie
tobte, schrie und weigerte sich.
Die Mutter - nach zwei Herzinfarkten gesundheitlich etwas labil
- erregte sich furchtbar wegen der abtrünnigen Tochter.
Die arme Alte lief keuchend und hyperventilierend mit ihrem
Engelskostüm auf und ab und mußte im Nebenraum notdürftig
in eine Ruhelage gebracht werden. Pillen, die sie immer bei
sich hatte, zeigten keine erkennbare Wirkung. Waggy rief vorsichtshalber
den ärztlichen Notdienst an.
Inzwischen tobte Rabe weiter und schrie, es gäbe kein
Paar der Woche, der Sigi sei ja eh nicht da. Der Fotograf von
der Zeitung wartete aber hartnäckig weiter auf eine Gelegenheit.
Das Publikum folgte dem seltsamen Treiben mit erstaunter Neugier.
Manch einer ahnte wohl, daß mit der Aufführung etwas
nicht ganz planmäßig verlief, wartete aber ab. Die
Hektik eskalierte, als eine Notärztin in Begleitung von
zwei Assistenten in leuchtfarbenen Jacken herbeieilte und von
Waggy zur japsenden Mutter geführt wurde. Die Ärztin
diagnostizierte eine Herzattacke und legte der Mutter einen
Katheder an, um ihr eine Infusion geben.
Rabe gefiel das nicht. Sie beschimpfte die Notärztin als
Stümperin, griff sie tätlich an und trat gegen den
Instrumentenkoffer. Ich zerrte den zappelnden übergeschnappten
Vogel in eine Ecke und hielt ihn solange fest, bis die Behandlung
beendet war. Währenddessen ging einer der Sanitäter
hinaus und rief über Funk die Polizei, um den Vorfall
aufnehmen zu lassen. Die ganze Szenerie spielte sich teils
im Nebenraum, teils vor Publikum ab.
Schließlich kam eine Polizeistreife. Die Beamten wollten
die Personalien aufnehmen. Mit dem Namen Rabe Perplexum konnten
sie nicht viel anfangen und verlangten Papiere. Ratlosigkeit überall,
weil Rabe sich weigerte, irgendwelche Angaben zu machen. Sie
konnte sich gerade noch zurückhalten, auf die Polizisten
loszugehen. Endlich gab die Mutter, die sich etwas erholt hatte,
Auskunft.
Langsam wurde auch dem Letzten im Publikum klar, daß es
sich nicht um Schauspieler, sondern um echte Notärzte
und Polizisten handelte, daß dies Szenario nicht zur
Performance gehörte. Waggy erklärte, daß die
Veranstaltung für diesen Abend ausfallen müßte
und gab das Eintrittsgeld zurück. Alle Zuschauer wollten
wiederkommen. Sie verließen zögernd den spannenden
Ort - so auch die Polizei und die Notärzte. Die Darsteller
schminkten sich erschöpft ab. Die Mutter wurde nach Hause
gebracht. Auch der enttäuschte Fotograf von der Süddeutschen
ging. Ohne ein Foto vom Paar der Woche.
Die Performance wurde vom nächsten Tag an wieder aufgeführt.
Sigi hatte eingelenkt, mit Rabe wieder Kontakt aufgenommen
und das ganze Problem war vertagt. Am Weihnachtsabend stieg
eine Party in den Atelierräumen. Der Abbau Anfang Januar
ging zügig voran.
Ich diskutierte mit Rabe, ihre Produktionen außerhalb
Münchens anzubieten. Sie zeigte sich aufgeschlossen. Ich
bemühte mich um Auftrittsmöglichkeiten. Als es darum
ging, an verschiedene Häuser und Organisationen Material
zu verschicken, machte sie einen Rückzieher. Sie verweigerte
den Sprung über die Münchner Stadtgrenze.
Ein Tod - Schwarze - noch
eine Installation - Fahrrad
Perplexum V
Beim nächsten Event war ich anderweitig
engagiert. Das Projekt lief im "Neuen Theater". Ich
bekam aber Fotos von der Produktion nachgereicht. Sie zeigten
Christoph Freiwald als Darsteller, der sich auf der Bühne
lustvoll gequält ein Endoskop in den Rachen einführt.
Das Bild wurde dem Publikum auf einen Monitor übertragen.
Freunde berichteten mir amüsiert von dieser Veranstaltung.
Sommer 1994
Nach der Trennung von Stefan entstand bei Rabe
wieder das Vakuum der Einsamkeit. Ich stattete ihr gelegentlich
einen Besuch ab. Sie scharte alte und neue Freunde um sich,
die teilweise vorübergehend bei ihr wohnten. Darunter
auch Geier, den ich nach unserer ersten Begegnung nun unter
anderen Umständen kennenlernen konnte. Er hatte sich für
eine Weile bei Rabe einquartiert, seinen Graphikcomputer installiert
und arbeitete an einer interaktiven CD Rom. Ich bekam einen
Eindruck davon, wie im Zusammenleben der beiden durch ständige
Reibereien jene Werke entstanden sein mußten, die durchaus
zu den Pionierstaten der Multimediakunst zu rechnen sind. Allerdings
ließ sich diese Beziehungskonstellation nicht mehr zurückholen.
Die Luft war raus.
Die Mutter starb nicht ganz unerwartet an Herzversagen. Rabe
war als einziger gesetzlicher Erbe angehalten, das Begräbnis
zu bestellen und die mütterliche Wohnung aufzulösen.
Ich wurde morgens um acht zur Leichenbeschau in eine Klinik
bestellt, um Aufnahmen zu machen. Rabe hatte es sich in den
Kopf gesetzt, den Leichnam selbst zu waschen und einzubalsamieren
und dabei gefilmt zu werden. Ich wartete eine Stunde vor dem
Krankenhaus. Als niemand kam, ging ich verärgert wieder.
Telefonisch wurde mir später mitgeteilt, man habe noch
eine Videokamera besorgen müssen, um die Szene festzuhalten.
Fotograph Rainer Schwinge hatte das an meiner Stelle übernommen.
Zur Beerdigung wartete ein Dutzend Trauergäste vor dem
Friedhof. Schließlich kam Rabe, sichtbar angetrunken,
mit dem Taxi vorgefahren. Es war ein sonniger Vormittag. Rabe
hatte den Ghettoblaster ihrer Mutter dabei und eine Kassette
mit Carusogesängen. Schließlich wurde der Sarg mit
der Mutter nach einer kurzen, stillen Andacht auf einen Karren
gehoben. Den Sarg hatte Rabe mit kunterbuntem Blümchenstoff
präpariert. Es war der Sarg, den sie schon jahrelang als
Requisit in ihrem Gruselkabinett gelagert hatte. Der Karren
wurde von vier Bediensteten durch den Friedhof gezogen. Rabe
stellte den Ghettoblaster auf den Karren, Caruso auf volle
Lautstärke, tanzte mit einer Flasche Whisky in der Hand
hinter dem Gefährt her und textete schreiend irgendwelche
Sprüche. Der Mann von der städtischen Bestattung,
bemüht, die Sache unter Kontrolle zu halten, schaffte
es durch ein paar Umwege, anderen Trauerzügen auszuweichen.
Das Pietätsgefühl Leidtragender sollte durch Rabes
ungewöhnlichen Auftritt nicht verletzt werden. Am offenen
Grab angekommen, wurde noch etwas getrauert. Ich trank einen
Schluck von Rabes Whisky. Sie saß auf einem der Holzbalken,
die quer über dem Grab lagen und versuchte mehrmals, in
das Grab hinabzusteigen, in dem auch schon die Großmutter
beerdigt war. Ich verabschiedete mich bald.
Nach dem Spektakel half ich ihr beim Ausräumen der mütterlichen
Wohnung. Es hatte sich viel angesammelt und ich war ein paar
Nachmittage zusammen mit Rabe beschäftigt, alles zu sortieren,
zu verpacken und wegzuschaffen. Als Belohnung bekam ich einen
Aschenbecher mit Sprung, eine Vase mit Sprung und einen schönen
Beistelltisch mit einem defekten Röllchen.
In dieser Lebenssituation entdeckte Rabe ihr Faible für
Schwarzafrikaner. Sie war zufällig bei einer Party mit
Farbigen zusammengekommen. Es begann mit Lasinga, dem andere
folgen sollten. Lasinga war ein langer, schlanker Schwarzer,
der in einer Bewachungsfirma arbeitete. Er hatte oft Schichtdienst,
war dann für Nächte nicht da, und mußte tagsüber
ruhen. Er gab mir zu verstehen, daß ihn Rabe auf Dauer überforderte
und er sich bei aller Liebe zurückziehen wollte.
Als er ein paar Tage nicht auftauchte, bat mich Rabe wieder
mal, ihn gemeinsam mit ihr aufzusuchen. Er wohnte mit seinen
Kollegen in einem Wohnheim. Das Wohnheim war sehr gut bewacht,
aber wir verschafften uns Zutritt. Lasinga öffnete und
gab mit wenigen Worten und Gesten unmißverständlich
zu verstehen, daß es ihm mit Rabe reichte. Er sagte,
er werde sich melden, aber das war eher eine Ausrede, um uns
abzuwimmeln. Sie war ganz verzweifelt.
Herbst 1994
Eine neue Aufgabe wartete. Wieder
sollte eine Videoinstallation im "Beck - Kunstcontainer" im
Marienhof hinter dem Rathaus aufgebaut werden. Rabe hatte zwei
korrespondierende Videos von Bavaria-Hysterica hervorgeholt.
Sie sollten zur Oktoberfestzeit parallel auf zwei Monitoren
laufen.
Dazu mußten verschiedene Geräte im Gasteig und bei
BOA-Video abgeholt werden. Ich wartete im Studio im Gasteig,
aber Rabe kam nicht zum verabredeten Zeitpunkt. Nach zwei Stunden
Wartezeit erhielt ich einen Anruf von einer völlig verzweifelten,
verheulten Rabe, die mir mitteilte, ihr Luxusfahrrad sei über
Nacht gestohlen worden. Außerdem gebe es wieder Probleme
mit einem Neger. Sie werde aber dann kommen.
Rabe verlor mit ihren Ansprüchen an das Leben jedes Maß.
Sie mochte keinesfalls auf Dinge verzichten, die sie sich einmal
in den Kopf gesetzt hatte. Für den Fall, daß eine
ihrer Vorstellungen nicht realisierbar war, wurde sie ungenießbar.
Freunde und Bekannte wendeten sich mehr und mehr von ihr ab.
Sie schüttete Unmengen harten Alkohols in sich hinein,
behauptete dabei aber immer noch, sie könne das sofort
abstellen, wenn ihre jeweilige Beziehung in Ordnung sei. Leider
klappten aber ihre Beziehungen schon deshalb nicht mehr, weil
ihr alkoholisierter Zustand dies inzwischen völlig unmöglich
machte. Ich bemühte mich noch um sie, so gut es eben ging.
Immer häufiger wurde ich von gemeinsamen Freunden mit
der Frage konfrontiert, wie ich das mit Rabe eigentlich aushalte.
Rabe hatte sich zum tragischen Monster entwickelt. Rabe wurde
gemieden. Kaum einer ihrer zahlreichen ehemaligen Freunde mochte
noch auf sie eingehen. Es wurde für mich immer schwieriger,
kleine Unpäßlichkeiten von akuten Notfällen
zu unterscheiden.
Rabe kam schließlich mit dem Taxi, um mit mir die Geräte
einzuladen. Den ganzen Tag beklagte sie überall weinend
den Verlust ihres Radls. Gegen abend war die Installation eingerichtet.
Auf dem Weg zu ihrer Wohnung fand sich auch das Fahrrad wieder.
Es stand ordentlich gesichert vor dem Supermarkt, bei dem sie
immer ihren Whisky kaufte. Sie hatte es selbst dort abgestellt
und vergessen. Das Rad war wieder da, meine Sorge um Rabe aber
wuchs.
Zu den unmöglichsten Zeiten erreichten mich immer wieder
Hilferufe, einen entflohenen farbigen Lover zurückzubringen.
Mehrmals bemühte ich mich darum. Es nützte aber nichts.
Einige Freunde konnte sie zumindest vorübergehend mit
ihrer Position im kulturellen Leben und ihrer wirtschaftlichen
Situation an sich binden oder zumindest deren Abgang hinauszögern.
Ihr einnehmendes, bestimmendes und gleichzeitig umsorgendes
Wesen, ihre Kreativität und ihre Originalität konnten
für eine gewisse Zeit fesseln. Doch soviel Rabe zu geben
bemüht war, so impertinent forderte sie Gegenleistung.
Ständige Präsenz, und Auseinandersetzung und gegebenenfalls
Sex. Allmählich schwoll ihre Egomanie im gleichen Maß,
wie ihre Fähigkeit zur Kommunikation abnahm. War ein Partner
da, ging es ihr meist gut und sie legte keinen Wert darauf,
daß sich jemand einmischte. War kein Partner da, trommelte
sie wie verrückt um Hilfe.
Die Schwarzafrikaner wechselten. Rabe strebte Kulturaustausch
an. Mehr und mehr stellte sie Anforderungen, denen kaum jemand
gerecht werden konnte. Wenn sie enttäuscht war, drohte
sie mit Selbstvernichtung.
Der nächste Schwarze, den ich kennenlernte, hieß Sepp.
Manchmal waren auch seine Freunde bei ihr zu Gast. Ich verfolgte
nicht weiter, wie sie diese Beziehungen pflegte. In einem verzweifelten
Moment klagte sie über ihr verhängnisvolles Schicksal: "Der
eine fickt gut und ist nie da, der andere ist dauernd da, fickt
aber schlecht!"
Afrikareise - Chaos - mehr
Neger - noch ein Stück
Perplexum Ende
Frühjahr 1995
Rabe war entschlossen, allein nach Afrika zu
reisen, um Impressionen für ein Stück zu sammeln.
Eines Tages, ich befand mich gerade im Ausland, bekam ich eine
Nachricht von Freunden aus Deutschland. Rabe sei nach einigen
Monaten wieder aus Afrika zurückgekehrt und stehe etwas
neben sich. Zudem seien Fördergelder von der Stadt eingetroffen
und sie habe nach mir wegen einer Zusammenarbeit gefragt.
Ich rief bei Rabe an und erkundigte mich nach dem Stand der
Dinge. Ich hörte sie nur schluchzen und heulen, vermischt
mit Hilferufen. Ein gemeinsamer Freund, der gerade bei ihr
war und die Lage einzuschätzen vermochte, definierte ihren
Zustand als Dauerpsychose, die seit ihrer Rückkehr aus
Afrika vor ein paar Wochen anhielt. Er war ratlos. Rabe befand
sich offensichtlich in einer erneuten sehr schweren psychischen
Krise. Ich bat eine gemeinsame Freundin, Rabe Zustand zu hinterfragen.
Sie bestätigte mir deren desolate Verfassung. Sie habe
Rabe angerufen und sich freundlich nach ihrem Befinden erkundigt.
Als Antwort, hieß es, habe sie darum gebeten, ihr vom
Sexshop ganz feste, schwarze Präservative vorbeizubringen.
Sie brauche es jetzt ganz hart. Die gemeinsame Freundin war
ebenfalls ratlos.
Ich kam im Spätherbst 1995 von Dreharbeiten aus Mazedonien
zurück und meldete mich bei Rabe. Sie wollte mich unbedingt
sehen. Ich stattete ihr einen Besuch ab. Über Afrika wollte
sie kaum erzählen. Unglücklich sprach sie von grauenhaften
Verhältnissen dort, von "Voodoo Leuten" und
einer Panne mit ihren Visumpapieren, die sie zu einem unfreiwilligen
verlängerten Aufenthalt von vier Wochen in Mozambique
gezwungen hatte.
Noch schlimmer war die Enttäuschung über "Sepp".
Ihm hatte sie ihre Bankvollmacht überlassen, um laufende
Zahlungen zu regeln. Er hatte sich - so Rabe - persönlich
großzügig bedient und war mit dem Geld verschwunden.
Mittlerweile lebte ein neuer Schwarzer namens Mr. Bruce bei
ihr, ein Asylbewerber aus Togo. Rabes Zustand besserte sich
ein wenig. Bei einem meiner Besuche meinte sie, Mr. Bruce sei
ganz nett, aber sexuell zu wenig aktiv.
Rabe war in der Pflicht und mußte ein Stück bringen.
Schließlich hatte sie Geld von der Stadt erhalten.
Ich traf mich mit Luk bei Rabe. Sie zog ein Konzept für
eine Performance mit dem Titel "Schwarz - Weiß -
Abgleich" aus der Tasche. Es ging um Konflikte zwischen
Schwarzen und Weißen. Mr. Bruce als ihr derzeitiger Liebhaber
wurde Protagonist der afrikanischen Kultur.
Das Prozedere wurde festgelegt. Wieder Ausschnitte aus Filmen
- hauptsächlich über Afrika - als Hintergrund. Filmauftritte
hatten Mr. Bruce, der Schwarze und Christoph, der Weiße.
Dann der Zusammenschnitt dieser ganzen Szenen zu einem Video,
das als Großbildprojektion in das Stück eingebaut
wurde.
Das Studio war gebucht und ich wartete zwei Tage vergeblich
auf Rabe. Sie entschuldigte sich mit Termindruck, weil sie
ein neues Projekt - diesmal zum Thema Aids - beim Kulturreferat
einreichen mußte. Sie hatte dabei vor, den Begriff "Aids" als
Symptom einer Erkrankung der gesamten menschlichen Gesellschaft
zu erweitern.
Schließlich kam sie am dritten Tag und wir konnten endlich
die Hintergründe vorbereiten. Ich war verärgert.
Diese Wartezeiten wurden keineswegs vergütet.
Verzögerungen lähmten auch die Dreharbeiten. Man
wartete. Luk und seine Freundin Sandra, die gemeinsam Organisation,
Requisite und andere Aufgaben übernommen hatten, und Christoph
als Darsteller warteten. Rabe konnte die Termine nicht mehr
koordinieren oder war nicht in der Lage, Wege zu bewältigen.
Schließlich kam sie und führt Regie. Sie lag dabei
meist auf dem Fußboden und gab Anweisungen. Mr. Bruce
sollte bayrisch sprechen, konnte aber weder deutsch noch bayrisch.
Mr. Bruce stammelte, was ihm Christoph vorsprach, und so ging
es sehr langsam voran, Wort für Wort. Die Situation war
einerseits tragisch, andererseits auch urkomisch. Nichts konnte
darüber hinwegtäuschen, daß Rabe am Ende war.
Das Team war frustriert: Die Regisseurin war entweder nicht
da oder wirkte eher störend. Mein Vorschlag, aus dem viel
zu umfangreichen, unüberschaubaren Material eine kurze,
präzise Geschichte zu schneiden, wurde von Rabe blockiert.
Ich mußte nach ihren Anweisungen arbeiten. Etwas anderes
ließ sie nicht zu.
Als Spielort hatte Rabe die Münchner Diskothek "Soul
City" auserwählt. In einer Abteilung, in der sonst
Techno Parties liefen, sollte die Performance stattfinden.
Im Programm waren eine Kapelle aus schwarzen Trommlern und
mehrere Schauspieler vorgesehen. Bei den Vorbesprechungen kamen
verschiedene Schwarze, die sich eine Karriere als Showstars
in einem Musical vorgestellt hatten und sich von Rabes abstrusen
Ideen nicht überzeugen ließen. Mit gemeinsamer Anstrengung
fanden wir schließlich eine afrikanische Combo, die grundsätzlich
bereit waren, mitzuspielen.
Wir bekamen wieder eine Kamera, diesmal mit Sender, die Rabe
allabendlich während der Vorstellung mit einem Steadycam
für zwei bis drei Minuten einsetzte. Einige Freunde stellen
die gesamte Videotechnik.
Das Chaos der Dreharbeiten setzte sich bei den Proben fort.
Mal fehlte ein Neger, mal fehlte Rabe. Es gabt Mißverständnisse.
Rabe bestellte zur Verpflegung Pizza für alle. Die Neger
deuteten höflich an, daß sie die Pizza nicht so
besonders mögen. Rabe verstand nicht, warum die Neger
ihre Pizza nicht mochten.
Die Elemente der Performance waren wie eh und je von Rabes
schwarzem Humor durchsetzt, der aber leider diesmal wegen der
laschen Regie nicht so recht zündete. Ein Schwarzer namens
Piccolino mimte eine Frau, die in einem Eingeborenenzelt ratlos
mit elektrischen Geräten hantiert, ohne die Bedienungsanleitung
zu verstehen. Mr. Bruce und Christoph spielten als Bargäste
Sprachverwirrung, die sich am Ende des Stückes im viel
zu langen Video fortsetzte. Dazwischen tanzte Rabe einen ekstatischen
Tanz zu den afrikanischen Rhythmen der Negercombo, der lächerlich
wirkte.
Die Premiere war kein Highlight und steuerte knapp an der Katastrophe
vorbei. Die Kritik brachte wohlwollende Verrisse. Die weiteren
Aufführungen waren vom kontinuierlichen Absturz begleitet.
Rabe war immer besoffen und lallte ihre Texte. Sie kritisierte
unentwegt die Farbigen. Den Leuten von der Disco ging die Situation
auf die Nerven. Anstatt das Stück zu retten, ließ Rabe
es absaufen. Die Stimmung wurde immer mieser. Es gab eine Meuterei.
Keiner wollte mehr mitmachen. Das Publikum blieb aus. Schließlich
wurde vorzeitig abgebrochen. Rabe hatte den Bezug zu ihrer
Arbeit verloren, ließ aber keine Kritik an sich heran
- weder beschwörende Worte, noch massive Vorwürfe.
Nach diesem Debakel besprach ich mit Rabe die Ereignisse. Ich
erklärte ihr immer wieder, daß sie unter diesen
Umständen ihre Karriere aufs Spiel setzte. Jedesmal fand
sie den Hauptschuldigen in Mr. Bruce, der - so Rabe - wieder
die ganze lange Nacht nicht dagewesen sei. Sie habe ihm doch
nichts Böses getan, sondern stets unterstützt. Und
wie immer folgte die Frage, warum die Menschen so schlecht
zu ihr seien.
Schon während der mißglückten Performance hatte
Mr. Bruce mir im Vertrauen angedeutet, daß er es mit
Rabe nicht mehr lange aushalten würde. Ich wollte Rabe
darauf vorbereiten, daß Mr. Bruce sie mit großer
Wahrscheinlichkeit verlassen würde. Sie ignorierte das
ungläubig.
Frühjahr 1996
Rabes Zustand verschlechterte sich zusehends.
Ich empfahl ihr mehrfach, professionelle Hilfe in Anspruch
zu nehmen. Mir war klar, daß keiner ihrer wenigen noch
verbliebenen Freunde die Kraft aufbringen könnte, sie
aus der komplexen Horrorspirale von Nichtverstandenwerden,
Nichtgeliebtwerden, Nichtmehrdaseinwollen, Nichtalleinseinkönnen
herauszuholen.
Eines Tages lud sie mich zu einem gemeinsamen Essen mit Mr.
Bruce ein. Ich sagte zu mit der Bitte, auf ihrem Gästebett übernachten
zu dürfen, weil ich am nächsten Morgen in der Nähe
zu tun hatte. Mr. Bruce kochte afrikanisch. Die Atmosphäre
war freundlich und gelöst. Rabe schien nüchtern.
Nach dem Essen verabschiedete sich Mr. Bruce, weil er noch
eine Verabredung hatte. Rabe bat mich um eine Massage wegen
eines verrenkten Armes. Ich mußte nach ihren Anweisungen
auf dem Küchenboden den verstauchten Arm mit viel Kraft
hin- und herdrehen und ziehen und drücken und schieben.
Als ich aufhörte, begann sie mich plötzlich mit beiden
Händen und aller Kraft zu würgen. Mit verdrehten
Augen fragte sie mich unvermittelt, wer ich sei. Ich bekam
kaum Luft und japste meinen Namen. Sie würgt mich heftiger
und fragte, wer ich wirklich sei. Mir fiel dazu nichts mehr
ein. Außerdem mußte ich mal wieder Luft holen und
den Blutstau im Kopf loswerden. Ich schlug ihre Hände
von meiner Kehle weg und setzte sie auf einen Stuhl. Sie saß da
und unterhielt sich mit mir, als sei das alles eben nicht geschehen.
Gegen Mitternacht entschuldigte ich mich und legte mich, wie
verabredet, auf das Sofa zum Schlafen. In der Nacht wurde ich
von Geschrei geweckt. Ich eilte in Rabes Schlafzimmer und sah
sie wimmernd in einer Ecke liegen, während Mr. Bruce,
inzwischen zurückgekehrt, mitten im Zimmer stand. Rabe
klagte über eine verletzte Hand und gab Mr. Bruce die
Schuld.
Ich trennte die beiden Streithähne. Das vermittelnde Friedensgespräch
ergab, daß Mr. Bruce kurz zuvor heimgekehrt war und gerne
geschlafen hätte, um am nächsten Morgen fit für
einen Job zu sein. Rabe wollte aber mit ihm über alles
reden. Dadurch habe sich Mr. Bruce belästigt gefühlt
und Rabe mehrmals um Ruhe gebeten. Dann sei es zu Handgreiflichkeiten
gekommen. Dabei war Rabe von ihm in die Ecke geschubst worden.
Etwa eine Stunde war ich bemüht, die beiden zu beruhigen.
Schließlich konnte ich Mr. Bruce überreden, vorübergehend
die Wohnung zu verlassen, um die Lage zu entschärfen.
Dann untersuchte ich Rabes verstauchte Hand und empfahl ihr,
zum Arzt zu gehen. Ich brachte sie in ihr Bett und versuchte,
noch etwas zu schlafen. Ich hörte Rabe noch geräuschvoll
herumwuseln, war aber zu erschöpft, um mich darum zu kümmern.
Morgens stand ich auf, um meinen Termin wahrzunehmen. Völlig
erschöpft von dem nächtlichen Theater kochte ich
kochte mir einen Kaffee, ging dann ins Bad, um mich notdürftig
aufzupäppeln. Dort vernahm ich ein klägliches Wimmern
aus dem Regal zwischen den Handtüchern. Ich bemerkte Moser,
den Kater von Rabes Mutter, den sie nach deren Tod zu sich
genommen hatte. Er war nahezu rundum mit Klebeband eingewickelt.
Ich fragte Rabe, die noch im Bett lag, was Sache sei. Sie meinte,
sie habe Moser ruhigstellen müssen, weil er ihre Steckdose
kaputtgemacht habe. Mit einer Nagelschere befreite ich das
arme Tier von seinen Fesseln.
Sommer 1996
Ich erfuhr von einem Prozeß gegen Sepp.
Rabe hatte ihn wegen Veruntreuung von Geldern angezeigt. Sie
hatte Luk und Stefan gebeten, sie zum Gericht zu begleiten.
Luk schilderte mir den Ablauf. Rabe war schon vor dem Prozeß betrunken
gewesen und während der Verhandlung ständig der Richterin
ins Wort gefallen. Die Richterin war völlig entsetzt von
Rabes Verhalten. Sie sprach den Sepp, der doch betrogen haben
sollte, frei und drohte Rabe eine Klage wegen unkorrekter Verwaltung öffentlicher
Gelder an. Dieses Urteil, das wohl eher durch persönliche
Animosität als durch nüchterne Fakten zustande gekommen
war, hat Rabe auf 's Schwerste zugesetzt. Es war ein harter
Schlag gegen ihr ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl.
Ich ahnte, daß Mr. Bruce sich bald zurückziehen
würde. Rabe erzählte mir, sie habe das Geld für
seinen Deutschkurs und seinen Führerschein gespendet.
Das Geld sei weg, aber angeblich sei kein Kurs je besucht worden.
Sie habe einen größeren Lieferwagen gekauft, damit
Mr. Bruce Speditionsaufträge annehmen könne.
Mir war klar, daß niemand mehr da war, der Rabe helfen
hätte helfen können. Ihre Wohnung war längst
wegen Lärmbelästigung gekündigt. Rabe klagte
dagegen. Das Gericht bestätigte die Kündigung. Es
kam zur Räumungsklage. Ich riet ihr, vorübergehend
das Atelier zu bewohnen, bis sie etwas Passendes fände.
Ihr war das Atelier zu eng.
Von Freunden erfuhr ich, daß sie leere Wohnungen für
Rabe gefunden hatten, die sie alle aus irgendwelchen Gründen
abgelehnt hatte. Alle noch wohlwollenden Menschen waren ratlos.
Ich bekam noch zwei kleine Aufträge von Rabe. Wir räumten
gemeinsam das Atelier auf, weil sie damit etwas vorhatte. Ich
reparierte ein paar Kleinigkeiten. Rabe putzte währenddessen
alles mit Essigsäure.
Sie warf mir teilweise undurchschaubare Belege vom letzten
Stück hin mit der Bitte, das für die Abrechnung nach
irgendwelchen Kriterien aufzulisten. Sie habe momentan keinen
Kopf für so etwas. Außerdem könne sie nicht
schreiben, weil ihre Hand noch verletzt sei. Ich fand auch
ein paar Belege von ihren Afrikaflügen vom vergangenen
Jahr. Quittungen über Hotelaufenthalte oder ähnliches
gab es nicht. Ich ging alles durch und gab ihr die Listen zum Überprüfen
zurück. Sie wollte sie gar nicht ansehen. Bei diesen Begegnungen
war Mr. Bruce manchmal bei ihr oder auch nicht Rabe wirkte
angespannt. Sie war niedergeschlagen wegen der Wohnung und
machte einen geschwächten Eindruck. Sie aß kaum
etwas, weil sie abnehmen wollte. Sie bat mich, ihr aus der
Apotheke Vitaminbomben zu holen. Sie schlürfte Astronautennahrung
aus Tuben in sich hinein. Zu allem Übel pflegte sie einen
Blinden, für den sie einkaufte, kochte und Besorgungen
erledigte.
Sie rief mich täglich mehrmals an, ich solle sofort kommen,
um Mr. Bruce zurückzuholen. Ich telefonierte Mr. Bruce
hinterher aber erreichte ihn nicht. Er pflegte einen kranken
Mann mit Kehlkopfkrebs. Ein Job, den Rabe ihm besorgt hatte.
Ich erreichte immer nur den Kranken, der mir stets über
Kehlkopfverstärker mitteilte, daß Mr. Bruce nicht
da sei. Rabe verstand das alles als eine riesengroße
Verschwörung und Mr. Bruce ließe sich verleugnen.
Also war Mr. Bruce weg. Ich hatte endgültig die Lust verloren,
da noch einzugreifen. Ich sagte Rabe, sie müsse sich damit
abfinden, daß Mr. Bruce weg sei, und wenn er noch mal
zurückkommen wolle, käme er schon von alleine.
Der Blinde belästigte sie am Telefon und beschimpfte sie.
Rabe spielte mir am Telefon eine Viertelstunde lang ihren Anrufbeantworter
mit Aufzeichnungen der Beschimpfungen des Blinden vor. Er rief
stündlich bei ihr an und machte ihr zum Vorwurf, daß sie
mit einem dreckigen Neger zusammenlebe. Er spuckte förmlich
Gift und Galle.
Ich pflichtete ihr bei, daß der Blinde offensichtlich
ein perverser Psychopath sei. Ich riet ihr, sich aus diesem
Arbeitsverhältnis auszuklinken. Sie sagte, sie habe wegen
des Telefonterrors schon die Kripo verständigt.
Sie rief nun ständig bei mir an und bat mich um Hilfe.
Ich ließ meist nur noch den Anrufbeantworter laufen und
rief sie gelegentlich zurück. Sie lehnte eigentlich alles
ab. Sie mochte im Grunde nichts anderes, als daß ich
ihr Mr. Bruce hole. Ich sagte ihr, ich würde das nicht
schaffen. Ihr gesamtes Unglück schob sie inzwischen auf
einen Voodoo Zauber.
Am frühen Abend des 16.07. hörte ich von einem Nachruf
auf Rabe in der neuesten Ausgabe der Abendzeitung. Ich versuchte
herauszufinden, ob das stimmte, und rief ein paar Leute an.
Keiner wußte etwas. Später am Abend wurde die Nachricht
doch noch bestätigt. Ich war nicht gerade überrascht,
daß sie sich einfach abgeseilt hatte.
Ich verpaßte eine Videovorführung am Friedhof, weil
ich zu spät zur Beerdigung kam. Der Mann von der städtischen
Bestattung hatte es diesmal leichter. Da bewegten sich drei
Dutzend Menschen im manierlichen Trauermarsch. Die „Gschpinnerte“ vom
vorletzten Jahr lag jetzt selbst im Sarg. Die Tote kam in das
Familiengrab zu Großmutter und Mutter. Ich rechnete jeden
Moment damit, daß Rabe mit einem Ghettoblaster aus dem
Sarg steigen, Punkmusik auf laut stellen und schreiend hinter
ihrer eigenen Leiche hertanzen würde. Natürlich geschah
nichts dergleichen. Perfomance ausgefallen. Offensichtlich
brauchte sie wirklich etwas Ruhe. Ich hatte ein paar Blumen
und ein paar Würmer dabei, zum Reinschmeißen ins
Erdloch. Das war's dann. Irgend jemand hat für alle Fälle
alles auf Video aufgezeichnet. |